Co-Zeichnung für "The Art of Inclusion"

Veröffentlicht am , von Raffael Jesche, abgelegt unter:

Abstrakte Zeichnung zweier verschmolzener Gesichter, voller Trauer und Zerrissenheit

Mir fehlen gerade die Worte. Wenn ich das Bild betrachte, werde ich melancholisch. Ich denke „Ich war mal so nah dran.“ und frage mich „Was wäre wenn?“. Wenn mir die Worte fehlen, hilft mir in der Regel mein Archiv.

Am 10.03.2025 schrieb ich an Gee:

Wenn ich mir jetzt das Bild von damals anschaue, kann ich plötzlich meine eigene Reizfilterstörung so offensichtlich darin wiedererkennen–aber auch die Depressionen, den Schmerz…

Bin gerade immer noch etwas perplex, wie gut das Bild plötzlich mich selbst beschreibt. An die Details wie den Wurm mit den winzigen Flügeln, der die Trauer aufbricht konnte ich mich gar nicht mehr erinnern. Jetzt mag ich diesen kleinen Wurm gerade sehr.

Am 13.03.2025 schrieb ich:

Und der Wurm: Eigentlich ist das ja eine Raupe, der gerade Flügel wachsen, kurz bevor sie zum Schmetterling wird. Ich fühle mich gerade wie diese Raupe.

Vor 15 Jahren wurde das Bild das erste Mal ausgestellt. Die Vernissage war am 02.04.2011, dem Welt-Autismus-Tag. Gee Vero (Künstlerinnen-Name: Bareface) initiierte damals das Projekt „The Art of Inclusion“. Sie zeichnete halbe Gesichter und ließ diese von Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur vervollständigen. Ziel des Projekts war, Autismus in der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Wir lernten uns kennen, weil sie für das Projekt eine Button-Maschine von mir leihen wollte. Wenige Tage später fragte sie, ob ich mitmachen wolle. Natürlich sagte ich zu. Wir trafen uns auf ein Gespräch, da ich auf meinem damaligen Blog über sie berichten wollte. Noch heute erinnere ich mich daran, wie sie in meiner WG-Küche saß, mit dem Rücken zum Flur und wie ihr Auge zuckte, als mein Mitbewohner vorbeilief.

Leider erinnere ich mich gar nicht mehr, was ich damals beim Malen dachte. Vielleicht war es ihre Geschichte. Möglicherweise habe ich kurz recherchiert. Oder ich habe einfach „nur“ gefühlt. Die Teilnahme am Projekt war interessant. Ich fühlte mich geehrt. Ich kam aber nicht auf die Idee, das Thema auf mich selbst zu beziehen.

Im Juli 2024–mehrere depressive Episoden und einen längst vergessenen ADHS-Verdacht später–las ich dann einen Blog-Artikel. Ein Programmierer, kaum älter als ich, erzählte von seiner Spät-Diagnose als „hochfunktionaler“ Autist–und warum er das so lange übersehen hatte. In seinen Beschreibungen erkannte ich mich wieder. Ich recherchierte spontan ein paar Stunden zum Thema, erkannte mich immer mehr, zitterte am ganzen Körper und musste mich beim Treppensteigen am Geländer festhalten–vermutlich kurz vorm Nervenzusammenbruch. Über die weitere Recherche entdeckte ich ADHS-I (früher ADS genannt), also ADHS ohne Hyperaktivität. Die Symptomatik überschneidet sich sehr mit Autismus.

Anfang 2025, mit 37 Jahren, bekam ich die ADHS-Diagnose. Gee wurde ebenfalls mit 37 Jahren als Autistin diagnostiziert. Ich glaube nicht an Schicksal. Es ist aber ein schöner Zufall und ich mag Zahlenspiele.

Mich treibt nach wie vor die Frage nach dem AuDHS um. AuDHS setzt sich aus Autismus und ADHS zusammen. Das Hirn erlaubt sich dann gerne Spielchen, weil der Drang nach Neuem und Aufregendem in ständigem Widerspruch zum Drang nach Sicherheit und Routinen steht. Es kann sich aber auch ergänzen–oder verdecken, wenn z. B. gut sortierte Archive vor Chaos in der Wohnung schützen. Das ist aber alles noch Spekulation. Einige autistische Züge erkenne ich bei mir. Ob sie für eine Diagnostik ausreichen, bezweifle ich–und das ist gerade Nebensache. Relevant ist, dass ich nun zwei zusätzliche Suchbegriffe habe um Menschen zu finden, die so ähnlich ticken wie ich.

Bildbeschreibung

Abstrakte, quadratische Zeichnung, hauptsächlich in Gelb-, Braun- und Grüntönen, flächig unterteilt mit Schraffuren und Mustern. Schwarze Konturen zeichnen ein Gesicht mit kahlem Kopf, schmalem Kinn und Spitzbart. Das linke Auge fließt aus dem Gesicht und formt eine Träne. Darunter ist eine rot-orangene Flamme, die aus einer Fingerspitze entspringt. Das Muster in der Flamme sieht wie eine nach hinten gebeugte, mit den Armen wedelnde Strich-Figur aus. Sie fällt und tanzt zugleich. Rechts daneben geht der braune Kragen in einen Wurm über, der durch die Wange und dann durch ein Loch in der Nasenspitze herausragt. Der Wurm hat Fühler und winzige Flügel, ist also eine Raupe. Sie grinst. Vom linken Auge gehen gelbe und blaue Strahlen nach links und oben ab. Der Schädel wirkt dadurch geöffnet und mit dem Hintergrund verschmolzen. Statt des rechten Ohrs ragt ein Nagel aus dem Kopf. Wegen der Träne und weil die Pupille nach unten schaut, sieht die linke Hälfte des Gesichts traurig aus. Die Pupille des rechten Auges schaut nach vorne, ist aber zur Hälfte vom Augenlid verdeckt. Es sieht ernst und nachdenklich aus. Kombiniert ist die Emotion zerrissen. Rechts unten sind zwei Signaturen: ‚Bareface - 2011‘ und ‚Verstyler - 11‘.