paraDies & paraDox
Das Bild malte ich 2009 anlässlich des Jugendkunstpreises der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen e.V. (LKJ Sachsen) zum Thema „WIR.tuell“. Zunächst malte ich mit Stiften auf einem A4-Blatt. Anschließend vektorisierte ich die Arbeit. In der Ausstellung präsentierte ich die vektorisierte, auf A0 vergrößerte Variante. Unter dem Bild war ein Kommentarfeld für Publikums-Interaktion um den Kreis vom Analogen zum Digitalen und zurück zu schließen. Ich landete auf dem ersten Platz im Bereich „Bildende Kunst/Fotografie“.


Begleit-Text zum Bild
Folgend ist die Original-Version des Begleit-Texts zum Bild–inklusive Schachtelsätzen und generischem Maskulinum.
Das Original
… ist gerade mal A4 groß. Dies ist auch meine bevorzugte Art zu malen. Möglichst klein, detailliert und bunt. Dank digitaler Medien ist es mir möglich, diese kleinformatigen Werke frei zu skalieren und so ungeahnte Größendimensionen erreichen zu können.
Das Vektorisieren gibt mir außerdem die Möglichkeit, die winzigen Details besser sichtbar zu machen, kleine Fehler auszubessern oder einzelne Objekte zu extrahieren.
Der Künstler
… bin ich. Man könnte sogar sagen, dass ich Raffael Jesche bin. Ich bin 22 Jahre alt und bin offiziell nichts. Offiziell meint in dem Fall das Nichtvorhandensein von Ausbildung, Beruf, Studium oder reichen Eltern. Mich selbst würde ich als politisch und kulturell engagierten, ab und zu jobbenden, meist unbezahlten Grafiker und hoffentlich bald erfolgreichen Künstler beschreiben.
Das Bild
… beschreibt die Vielfalt, die Vernetzung und die scheinbare Unstrukturiertheit, jedoch auch die Gefahren des Internets. Es beginnt und endet mit einem HTML-Tag, wie es sich für ein richtiges Webdokument gehört. Am Anfang des Dokuments verlässt ein Surfer die reale Welt durch ein Tor und macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Er gleitet nun in seine eigene virtuelle Welt hinein. Die Landschaft in der realen Welt ist bewusst schön gewählt, da ich nicht sagen kann, ob die eine oder die andere nun besser ist. Beide sind schön und beide bergen ungeahnte Gefahren. Ab dem Eintritt in die Paralleldimension ziehen sich die Linien wie ein Faden durch das gesamte Werk. Dabei gibt es viele Abzweigungen und der Betrachter stößt immer wieder auf kleinere interessante Objekte - so, wie es beim normalen Surfen im Internet auch der Fall ist. Besonders wichtig ist mir dabei der Wachturm, oder auch oogle-Tower. Darin sehe ich eine große Gefahr, da die unbedachte Nutzung des Internets zu einer völligen Veröffentlichung der eigenen Privatsphäre führen kann. Für den Einzelnen mag das gut und schön sein. Immerhin gibt das Veröffentlichen von Informationen zur eigenen Person die Chance, Anerkennung über den eigenen Freundeskreis hinaus zu bekommen und fördert dazu enorm die überregionale Kommunikation. Wer sich häufig in einem der diversen sozialen Netzwerke herumtreibt wird den Spruch auf dem oogle-Tower in seinen diversen Abwandlungen auch gleich wiedererkennen. In diesem Zusammenhang beschreibt er die Informationsmonopole von bekannten Suchmaschinen oder auch Menschenverzeichnissen-Katalogen.
Natürlich ist Überwachung nicht das Einzige, was ich damit ausdrücken möchte. Der Computer und das Internet sind mittlerweile ein wichtiger, wenn nicht gar unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens. Daher führen vom „Leben“ auch Abzweigungen zu verschiedenen Aspekten, die zum Alltag dazu gehören, in der Regel mit dem Kontakt zu anderen Menschen zu tun haben und von denen sich jeder selbst aussuchen kann, ob er sie vom heimischen PC oder bei einem Konzert, im Kino oder auf Arbeit erleben möchte.
Schlussendlich verlässt der Surfer die Welt wieder in einem Boot. Die lange Reise durch die vielen bunten Facetten ist vorbei und die Diskokugel am Ausgang ist nur eine Variante, was er als nächstes erleben könnte.
Virtuelle Welten
Der Spruch „Ob im Netz oder im Kopf – die Parallelwelt gibt es doch.“ ist mir ein weiteres wichtiges Anliegen, welches in diesem Werk zum Ausdruck kommen soll. Die Malerei an sich ist schon eine virtuelle Welt, in der man sich verlieren kann. Sie drückt aber auch sämtliche Inhalte der realen Welt ringsherum auf erstaunlich abstrakte Weise aus und schafft somit eine Brücke zwischen Realität und Illusion. In ihr ist das Abdriften in eigene kreative Dimensionen meist auch ein Teil des Schaffensprozesses.
Das Internet geht in seiner Interaktion, mit seinen unglaublich vielen Facetten in der Bildung von virtuellen Welten noch einen Schritt weiter, da einfach alles jederzeit erreichbar und konsumierbar ist. Das permanente Vorhandensein von Konsumgütern im Internet lässt das Schaffen jedoch häufig in den Hintergrund treten. Damit will ich das Abdriften – egal in welcher Form – auf keinen Fall verteufeln. Im Gegenteil. Es gehört zum Leben dazu und es kann einem beim Malen, auf einem Konzert, beim Sport, im Internet oder einfach nur vor dem Fernseher passieren. Für den Einen ist es Entspannung, für den Anderen Bildung und für den Nächsten Kreativität. Ob und wie man das dann nutzt ist jedem selbst überlassen.